Bei den Wessis is jeder für sich
Vier Thüringer Schüler über ihre Kindheit in der DDR
Carla Porges, 15, aus Gera, Susanne Strobel, 16, aus Erfurt, Ferenz Langheinrich, 15, aus Niederzimmern bei Erfurt und Volker Weyh, 16, aus Apolda besuchen die Oberschule.
Spiegel
Was fällt euch zu dem Wort DDR ein?
Susanne
Zusammenhalt unter Menschen.
Carla
Dass man sozial richtig abgesichert war.
Volker
Totalitär.
Ferenz
Eingeschränkte Freiheit.
Spiegel
Was meinst du mit Zusammenhalt, Susanne?
Susanne
Das wichtigste war: jeder hatte Arbeit. Man hat das Angstgefühl oder das Gefühl des Unter-Druck-Seins nicht gehabt. Man hat sich auch gegeseitig geholfen. Weil der Druck nicht da war, brauchte man den anderen nicht zu beneiden.
Carla
Das war ein besseres Kollektiv, so zusammen.
Susanne
Auch in Plattenbauten. Da hat eben das ganze Haus mal im Garten gegrillt. Das war alles viel freundlicher.
Volker
Früher hat auch der Nachbar die Axt mal freiwillig geborgt.
Spiegel
Würde er das heute nicht mehr?
Alle
Nein!
Spiegel
Ihr wart bei der Wende gerade mal fünf oder sechs. Woher wisst ihr überhaupt, was in der DDR los war?
Carla
In der Hauptsache von den Eltern und dann durchs Fernsehen.
Susanne
Ich interessiere mich dafür, weil ich da aufgewachsen bin. Viele Sachen habe ich noch als Kind mitbekommen, mein Vater war Direktor an der Schule.
Spiegel
Was hört ihr denn in der Schule über die DDR? Es wird oft behauptet, dass die Lehrer die DDR viel zu positiv sehen.
Ferenz
Wir nehmen in unserer Klasse gerade die DDR durch. Meine Geshichtslehrerin enthält sich jeder Meinung.
Volker
Es wir viel Pompom drum gemacht. Die meisten Lehrbücher, die wir in der ehemaligen DDR besitzen, sind vom westlichen Denken geprägt, und da wird auf den Kommunismus geschimpft. Es ist halt Ost gegen West, in den Büchern merkt man das an bestimmten Schlüsselsätzen immer wieder.
Susanne
In der DDR gab es Noten in Fleiß und Betragen. Die würden einigen Schülern auch heute ganz guttun. Manche haben nicht mal Lehrern gegenüber Respekt. Das gab es in der DDR nicht.
Spiegel
Seht ihr denn ein großes Problem zwischen Ossis und Wessis?
Susanne
Ich kenne einen, der ist im Westen zur Schule gegangen. Das erste, was die drüben sagten, war hier kommt ja der Osttürke. Die Wessis versuchen nicht, uns persönlich kennenzulernen. Das finde ich schlimm. Auch in der Verwandtschaft haben wir das erlebt, dass nachdem die Mauer gefallen war, wir plötzlich die Sachen auch hatten, die sie drüben hatten. Damit sind die nicht klargekommen. Wir waren immer die armen Ossis, den Pakete geschickt wurden.
Carla
Die Mentalität von Ossis und Wessis ist anders. Bei den Ossis ist das kollektive Zusammengehörigkeitsgefühl noch ein bissel da. Bei den Wessis ist halt jeder für sich.
Volker
Ich habe auch schon viele aus dem Westen getroffen. Die sind meistens zuerst sehr distanziert. Und man kommt an die Leute sehr schlecht ran. Auch was Persönliches angeht. Man kann auch nicht zuviel erzählen, so wie das früher war in der DDR.
Spiegel
Habt ihr euch denn früher alles offfen erzählt in der DDR?
Susanne
Man wußte halt, über was man sprechen darf und über was nicht. Man wußte, dass man über politische Sachen nicht so sprechen sollte oder nur in gewissem Rahmen.
Volker
Mein Vater hat mir erzählt, dass er damals Äußerungen gegen die DDR gemacht hat. Er hat deshalb zwei Jahre im Knast gesessen und durfte nicht studieren. Von Grund auf war die DDR halt eher totalitär.
Ferenz
Meine Mutter durfte damlas auch nicht studieren, weil mein Opa früher Selbständiger war.
Spiegel
Wie sollte der Staat mit denen umgehen, die damals für solche Represssionen verantwortlich waren?
Volker
Schon wegen meines Vaters würde ich sagen: DDR-Unrecht muss aufgeklärt werden.
Susanne
Aber wenn das ein Mann von 80 ist, das bringt nichts mehr. Was soll man den noch fünf Jahre ins Gefängnis stecken.
Carla
Wenn man alles bis ins kleinste ausdiskutiert, das bringt doch auch nichts.
Spiegel
Fragt ihr eure Lehrer, was sie in der DDR gemacht haben?
Carla
ich denke, dass die Lehrer da nicht so gern antworten würden.
Volker
Nein, die Schüler stellen solche Fragen nicht.
Susanne
Bei unserem Lehrer ist das anders, der ist offen, der redet mit uns über alles. Wir fragen auch, wie es war?
Spiegel
Seid ihr traurig, dass es die DDR nicht mehr gibt?
Carla
Man kann nicht sagen, dass alles schlecht war. Im Gesundheitswesen musste keiner die Medizin bezahlen. Die Leute, die jetzt arm sind, können sich nicht unbedingt jede Behandlung leisten. Die Bildung war billiger, man hatte die Chance ausgebildet zu werden.
Susanne
Ich hatte eine schöne Kindheit in der DDR. Klar gab es Vor- und Nachteile. Die gibt es heute aber auch.
Volker
Was den Zusammenhalt betrifft, bin ich schon traurig, dass es die DDR nicht mehr gibt.
Ferenz
Ich bin nicht traurig. Es war ein totalitäres System. Es gab zwar Wahlen, man konnte aber nicht frei entsheiden und auch nicht seine Meinung sagen.